Die Lust in der Mitte des Kirschkerns
Die „Tränenfabrik„ der weißrussischen Dichterin Valžyna Mort ist Lyrik von Weltrang
Es geht die Sage, dass Allen Ginsberg einst Berlin besuchte, in die karge Lyriklandschaft starrte und verzweifelt ausrief, das sei ja alles sehr nett, aber bitte: „Where ist the vocal man?„ In der Vielstimmigkeit der deutschen Lyrik ist es nicht einfach, Bandleader zu bestimmen. Aber, verehrter Ginsberg, Gott habe Sie selig, fragten Sie heute noch einmal und dürfte man auch nach der anderen Hälfte der Menschheit fragen: Klarer Fall, Sie müssten eine Performance von Valžyna Mort besuchen.
Mort wurde 1981 in Minsk geboren. Die weißrussische Diktatur verließ sie im neuen Jahrtausend in Richtung USA und lehrt heute am College of Liberal Arts der University of Baltimore. Als kleines Mädchen glaubte sie sich zur Opernsängerin berufen. Während andere bei der Aufnahmeprüfung zur Musikschule Kinderreime vortrugen, gab Mort die Carmen, unverdrossen, mit Inbrunst und in schiefster Tonlage. Aus dem Kindheitstraum wurde nichts, aber aus Mort eine Lyrikerin, deren Charisma und Leidenschaft für die Musikalität der Sprache aus jedem ihrer Gedichte klingt.
Mort ist eine überaus genaue Dichterin. Das lässt schon die Sorgfalt ahnen, mit der sie den deutschen Band komponiert hat. Ihre Gedichte hat sie eigens für diese deutsche Ausgabe zusammengestellt und um einen autobiographischen Essay ergänzt, den man auch als surrealistisches Märchen lesen könnte.
Die weißrussische Sprache, die Mort erst nach der Perestroika als Jugendliche lernte, ist für sie eine Fremdsprache wie das Englische, das heute ihr Zweitinstrument ist, auf dem sie spielt wie auf einem Saxophon. Ihre Sprachwahl habe keine politischen Motive, sagt Mort, sondern rein musikalische. Das mag für ihre Absicht gelten; für ihre Texte nicht. Dafür sind sie zu kämpferisch, manchmal mehr stark und umwerfend als klassisch und schön. Zum Beispiel in solchen Versen wie dem Beginn des Gedichtes Die Weißrussische Sprache I: „wie wir zur welt kamen wissen selbst unsere mütter nicht / wie wir ihnen die beine spreizten und hervorkrochen von allein / so kroch man nach dem bombardement aus den ruinen / wir wußten nicht wer von uns junge wer mädchen ist / wir fraßen erde und dachten das sei brot / unsere zukunft aber — diese tänzerin auf dem dünnen strich horizont — / was vollführt sie uns da / für figuren / die hure„.
Voran gestellt ist diesem ersten Gedicht die Fassung in kyrillischer Schrift. Der erste Eindruck ist also der visuelle des Schriftbildes, eine unhörbare Melodie, ein Rhythmus: rund und geschwungen und eckig zugleich. Auf der zweiten Seite schlägt einem die Stimme Baals entgegen, mythisch, kraftvoll, unverwüstlich: „und dort sprang die tänzerin zukunft am horizont / durch den feuerreif / der sonne„.
Mort singt in den ersten Gedichten des Bandes für eine Generation, manchmal mit der Kraft eines Walt Whitman, in Bildern des Alltags eines zweimal verschlossenen Landes, die plötzlich ins Poetische, in die Phantasiewelt, den rasenden Stillstand des Surrealismus bersten: „und als unbeweglicher blitz / steht auf dem bett / eine tulpe„. Sie singt auch für sich, immer aus der eigenen Erfahrung: zuerst der der Kindheit, die in weichen, verspielten Tönen durch das Stahlbad des Älterwerdens und Erkennens schimmert, zunehmend übertönt von erotischen, oft komischen Erlebnissen der jungen Frau: „Die Lust sitzt in der Mitte des Kirschkerns, und ich pule sie mit ungeschickten Händen heraus.„
Morts Stimme ist weiblich und sehr alt, als komme sie aus fernster, aus mythischer Zeit, in der man noch unbedenklich von Gott und Mutter und Großmutter in einem Atemzug sprach. Dabei gehe es ihr nicht um den Triumph des Weiblichen, erklärte Mort während eines Podiumsgesprächs vor einigen Monaten in Berlin mit ihrer Übersetzerin Katharina Narbutovič, der zu verdanken ist, dass diese Gedichte auch in der deutschen Sprache wunderbar tönen. Und doch gibt Mort zu bedenken, dass Autorinnen in Weißrussland in keiner Tradition stünden, denn es seien nur Männer, die dort schreibend immer noch das Rad erfänden, nicht selten ohne jede Kenntnis der internationalen Literatur. Das zu behaupten ist frech. Wie die Nacktfotos, die Mort machte, aus Trotz, weil man sich über die angeblich vulgäre Sprache ihrer Gedichte erregte: „männer, die niemals mir glauben, / which bound me to a chair„.
Nein, die Männer, die sich empören, wenn eine junge Frau einen einsamen Orgasmus als Bus beschreibt, der zur Haltestelle kommt, eine Minute wartet und der Wartenden die Tür vor der Nase zuschlägt („und ich bleibe liegen, das Gesicht im Kopfkissen, und schaue ihm nach„), diese Männer fürchten sich nicht vor Vulgarität, sondern vor einer Sprache, die Revolutionen entfachen kann. Und vor dem Humor und der Wandelbarkeit dieser außergewöhnlichen jungen Lyrikerin, die mal als Conferencier krakeelt, mal als mythisches Wir wispert und sich dann wieder „so dünn„ wie eine Wimper macht. Die Sprache der männlichen Widersacher hingegen „ist so klein, / daß sie noch kein gespräch führen kann„.
Fragte Ginsberg noch einmal, er sollte diese Gedichte lesen. Laut.
Valžyna Mort: Tränenfabrik. Gedichte. Mit einem autobiographischen Essay. Aus dem Weißrussischen von Katharina Narbutovič, Frankfurt am Main 2009.
Weissrussisches Kaleidoskop
Valžyna Mort verzaubert mit ihrem Gedichtband «Tränenfabrik»
Sie ist erst achtundzwanzig, verfügt über eine breite lyrische Palette und über einen Tonfall, der sich sofort einprägt: Valžyna Mort, die zierliche Dichterin aus Minsk, die es vor Jahren nach Washington D.C. verschlagen hat. Wie in Weissrussland üblich, wuchs sie vor allem russischsprachig auf, doch schon ihre ersten Gedichte schrieb sie auf Belarussisch, dessen melodiöse Weichheit ihrer Musikalität — sie wollte ursprünglich Opernsängerin werden — entgegenkam.
Zugleich entdeckte Valžyna Mort in dieser vom Regime unterdrückten Volkssprache das adäquate Ausdrucksmittel für Zärtlichkeit, Trauer, Wut und Protest. Auf Belarussisch besang sie die geliebte Grossmutter («grossmamas arme — zwei storchenbeine / zwei rote stöckchen / und ich hocke mich hin / und heule wie ein wolf») und die hellen Klaräpfel («wir lasen euch auf / wie muscheln in grünen ozeangärten»), schrieb über sterbende Bücher, havarierte Lieben, polnische Immigranten und die schmerzlichen Häutungen des Körpers, auf Belarussisch schreibt sie über New York, Floridas Strände und Jean-Paul Belmondo, auch wenn das Englische ihr allmählich ans Herz wächst.
«Tränenfabrik» heisst der deutsche Auswahlband in Katharina Narbutovičs sensibler Übertragung, und er ist eine Entdeckung der besonderen Art. Denn Morts Gedichte enthalten ganze Welten: west-östliche Landschaften und Befindlichkeiten, Alltags- und Märchenszenarien, visionäre Utopien und lakonische Einsichten, berückende Erinnerungsbilder und abgründige Todesmetaphern. Nicht nur die Vielfalt der Motive überrascht, sondern auch die der Register: zwischen heiter und melancholisch, zwischen verträumt und schonungslos direkt. Mit stupender Wandlungsfähigkeit spricht bald ein Kind, bald eine alterslose, der vergangenen Jugend nachtrauernde Frau, bald ein zartes Flügelwesen, bald eine scharfzüngige Beobachterin.
Valžyna Morts Gedichte gehen unter die Haut, ja sie tun weh. Wie diese Zeilen aus dem Titelgedicht «Tränenfabrik»: «Und wieder liegt in der jahres- / bilanz die tränenfabrik / vornan. // während mein verkehrsamt sich noch die hacken ablief / und das amt für herzensangelegenheiten / noch hysterische attacken ritt, / fuhr die tränenfabrik nacht für nacht schicht, / brachte selbst an sonntagen neue rekorde der produktion. (. . .) ich bin arbeitsinvalide meiner heldentränenfabrik, / habe schwielen auf den augen, / dazu noch den jochbeinbruch / bezahlt werde ich nach der leistung / und bin zufrieden mit dem, was ich habe.» Realsozialistisches Vokabular trifft hier auf politisch oder privat verursachten Schmerz, und der Sarkasmus ist unüberhörbar. Er ist es auch im Gedicht «in fragezeichenposition», wo das diktaturgeschädigte Ich «sechzehn namen für die finsternis» sucht und bekennt: «das lockenwicklereinzugsprinzip / war die basis des nationalen mähdrescherbaus — / und meine erste metapher / die ich wutentbrannt wiederkäute / als hätte ich einen schwanensee verschluckt.»
Unschuldsgeraune und Sentimentalität gibt es bei Valžyna Mort nicht. Doch eine faszinierende Palette von Bittersüssem und Helldunklem. Ob es um die Schwierigkeiten der Ehe geht («und deine kolumbussin hier / die die fleischroten augen weit aufreisst / sieht nicht weiter als bis / zum bug ihrer barke / wer sticht in see nun, dich zu entdecken»), um die Oper «Carmen» oder die Leiden der weissrussischen Sprache. Mort hält sich, vital und erfinderisch, an die Metapher. Und manchmal zaubert sie mit einer Souplesse, die Heiterkeit, Charme, ja Übermut verrät. So in dem vor Sinnlichkeit sprühenden Belmondo-Gedicht, das einen Flirt mit dem Filmschauspieler und seiner Stadt Paris imaginiert: «alles fängt an mit Ihrem steingesicht / auf dem wie zwei robben die lippen liegen / im küstennebel aus zigarettenrauch / laufen Sie durch die strassen / sie aufzuzählen hiesse — / den wellen des meeres namen zu geben (. . .) Ihre brustblessur färbt sich rabenschwarz. / ich sage Sie sind meine jugend (so ist es vereinbart). / der apfel, der mich isst, um nichts zu wissen . . .»
Bilder, Bilder und Sätze, die sich eingravieren. Einige stehen auch in den Prosaminiaturen, die Valžyna Mort unter die Gedichte gestreut hat. Es sind starke, rhythmische Sätze «mit der schwingenden schneide / ihrer rocksäume, befleckt von päonien». Man darf sie für ebenso wahr wie wundersam halten.
Valžyna Mort: Tränenfabrik. Gedichte. Mit einem autobiographischen Essay. Aus dem Weißrussischen von Katharina Narbutovič, Frankfurt am Main 2009.
