Ich werde häufig gebeten, über die aktuelle belarussische Literatur zu sprechen. Und wenngleich ich mich stets bemüht habe, meine Einschätzung ihrer Verfasstheit darzulegen, fiel mir das doch immer wieder schwer. Über aktuelle belarussische Schriftsteller zu sprechen ist kein Problem, schwierig wird es erst mit einer Positionierung zu ihrem Schaffen und der Bewertung ihrer Werke. Wie es keine Liebesformel gibt, fehlt auch die Formel für Talent; daher ist keine Bewertung zeitgenössischer Werke vor den Untiefen persönlicher Beziehungen gefeit, seien diese freundschaftlich oder angespannt. In jedem Fall rücken Kritiker bestimmte Namen in den Mittelpunkt und lassen andere außer Acht. So bin auch ich im Weiteren subjektiv.2
Gleich zu Beginn möchte ich Behauptungen wie der folgenden widersprechen: „[…] seit etwa fünfzehn Jahren steckt die Literatur (und nicht nur die belarussische) in einer Krise. Die These bedarf keiner weiteren Belege. Diese liegen auf der Hand.„3 Für mich liegt das genaue Gegenteil auf der Hand und zwar ebenfalls bezogen auf die vergangenen fünfzehn Jahre. Und ich werde Belege für meinen Standpunkt anführen, alles andere wäre keine Kritik, nicht einmal Sophisterei, sondern bloße Phrasendrescherei.
Natürlich gibt es auch andere Kritikmuster, die beispielsweise den Nachweis führen wollen, dass die belarussische Gegenwartsliteratur zwar auf wundersame Weise irgendwie existiere, dabei aber zweitklassig und wenig originell sei. Zu dieser reservierten Haltung bemerkte Anatol‘ Brusevič treffend: „Im Jahr 2005 durften die Leser der NN4 mehrfach erleben, wie Genosse (bzw. inzwischen wohl Herr) Fjaduta in der Pose eines intimen Kenners der belarussischen Literatur Erscheinungen kommentierte, von denen er bestenfalls keine Ahnung hatte. Auf den ersten Blick erschienen Fjadutas Rezensionen als die reinsten Lobeshymnen auf den einen oder anderen belarussischen Lyriker. Tatsächlich führt uns der Verfasser aber so behutsam wie zielstrebig Schritt für Schritt zu seiner westrussischen Position. Schon verwandelt sich Ryhor Baradulin in Deržavin, Andrėj Chadanovič in Žukovskij, Hleb Labadzenka in Puškin und Ljudka Sil‘nova in die Cvetaeva: Belarus löst sich wie ein Zuckerwürfel langsam im russischen Sud auf.„5 In Texten Fjadutas findet sich auch die Auffassung, es habe nie ein belarussisches Barock gegeben. Wollte man einer solchen Literaturkritik folgen, verfiele man unweigerlich auf den Gedanken, Belarus erlebe nicht etwa eine Krise der schönen Literatur, sondern schlicht deren Nichtexistenz.
So paradox es klingt, möchte ich doch mit dem anfangen, was es bei uns nicht gibt. In Belarus existiert offensichtlich kein Kunstmarkt, das Fernsehen kennt keine professionellen Literatursendungen, die Regierung stellt praktisch keine Förderung für den Literaturbetrieb bereit (keine Festivals, Seminare, Wettbewerbe, keine Unterstützung für Zeitschriften oder Verlage, so gut wie keine Literaturpreise oder Stipendien), Verleger genießen in Belarus keine Steuererleichterungen. Und doch — angesichts all dieser Schwierigkeiten ist das höchst erstaunlich — ist die belarussische Literatur in den vergangenen fünfzehn Jahren stärker geworden. Sie schneidet im europäischen Vergleich nicht einmal besonders schlecht ab, sie ist dem breiten Publikum einfach kaum bekannt. Auch der Hintergrund eines Teils der belarussischen Sowjetliteratur, die zweifellos die aktuelle Lage der Literatur mitgeprägt hat, ist nicht in Abrede zu stellen. In erster Linie sind hier Werke von Michas‘ Stral‘coŭ, Ales‘ Astašonak, Janka Maŭr, Uladzimir Karatkevič, Vasil‘ Bykaŭ, Ales‘ Adamovič und Ales‘ Naŭrocki zu nennen. Zu berücksichtigen ist weiterhin, dass die belarussische Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts praktisch ausradiert worden war. Die damaligen Modernisten und Avantgardisten (Paŭljuk Šukajla, Todar Kljaštorny, Valery Marakoŭ, Uladzimir Chadyka, Michas‘ Čarot, Ales‘ Dudar, Jurka Ljavonny) wurden repressiert, was die belarussische Literatur gewiss um Jahrzehnte zurückgeworfen hat. So ist es kein Zufall, dass die meisten Schulabgänger belarussische Literatur nur mit Krieg und Kolchose assoziieren. Höchste Zeit, den Lektürekanon für Schüler zu revidieren und Sowjetideologen durch echte Literaten zu ersetzen. Ich halte es mit Al‘herd Bacharėvič, der in seinem Buch Keine Gnade für Valjanzina H. schreibt: „… der Kerl, der damals lauthals und derb gerufen hat: ‚Wer geht dort einher?‘6, war eigentlich blind gegenüber der Literatur, und der andere Kerl mit dem unvermeidlichen botanischen Pseudonym konnte keine Prosa schreiben, und den dritten hätte fünfzig Jahre später selbst die antiliterarische Zeitung, für die Chadok arbeitete, nicht mehr gedruckt, so nebulös war das Kunstverständnis dieses Klassikers.„7 Das nenne ich ordentlichen, gesunden Sarkasmus angesichts konstruierter Kunsttexte. Denn dieser Sarkasmus wirkt im Grunde als Gegengift gegen allen Schund nicht nur in der „klassischen„, sondern auch in der zeitgenössischen belarussischen Literatur.
Zeitschriften, Zeitungen, Internet
Wenngleich es in Belarus keinen wie auch immer gearteten Markt für Literatur oder Medien gibt, erscheinen doch Literaturzeitschriften und Zeitungen. Dabei verschob sich das Zentrum literarischer Aufmerksamkeit im Laufe der letzten fünfzehn Jahre zusehends von staatlichen hin zu nichtstaatlichen Periodika. Nach wie vor erscheinen die staatlichen belarussischsprachigen Zeitschriften Polymja8 und Мaladosc‘9 und die russischsprachigen Nёman und Vsemirnaja literatura, außerdem die belarussischsprachige Zeitung Litaratura i mastactva (LiM). Bei den nichtstaatlichen Zeitschriften herrscht eine größere Vielfalt (Dzejasloŭ10, ARCHE11, Pamiž, pARTisan, Tėksty, Kalos‘se12, Frahmenty, Pravincyja13, Topas, die Zeitungen Naša Niva14 und Novy Čas15), allerdings erscheinen neben den erwähnten Zeitungen regelmäßig nur Dzejasloŭ und ARCHE, deren Schwerpunkt nicht auf belletristischen, sondern auf analytischen Texten liegt. Damit ist der Raum für literarische Periodika doch sehr begrenzt. Das Internet entschärft diese Situation etwas, hier sind Literaturseiten mit ihren Foren entstanden, mit Online-Publikationen und Blogs. Unter den Internetangeboten, die das kulturelle Leben in Belarus beleuchten, ist das Literaturportal litara.net hervorzuheben, außerdem die an Jugendliche gerichtete Seite uff-by.org (dort erscheinen z. B. Informationen über Literaturveranstaltungen und Interviews mit Schriftstellern) und das studentische Projekt studfarmat.org. Besondere Beachtung verdienen die elektronischen Bibliotheken knihi.com und kamunikat.org sowie die Online-Buchhandlung knihi.net. In jüngster Zeit sind auch die beiden Kulturportale h-a-z-e.org und goliafy.com sehr aktiv.
Bei den staatlichen Literaturzeitschriften sind Ideologisierungstendenzen in den letzten Jahren nicht mehr zu übersehen. Besonders augenfällig sind die diesbezüglichen Veränderungen in den Inhalten des Wochenblattes Litaratura i mastactva, das für sich selbst in Anspruch nimmt, die „Zeitung der kreativen Intellektuellen in Belarus„16 zu sein. Tatsächlich fungiert es als Sprachrohr der staatlichen Ideologie und ist zum Tummelplatz für so genannte „richtige Autoren„ geworden, die hier ihre Texte veröffentlichen. So finden sich dort beispielsweise folgende Gedichtzeilen: „Amerika, fremder Reichtum raubt dir den Schlaf. / Wen stießt du nicht / in den Staub vom Thron, / Doch hielt dich noch immer / In Schach / Die unbesiegbare / Sowjetunion.„; „Und von ferne kamen / Die Dollar-Haie zur ‚Perestroika‘ geschwommen … / Du warst es, Amerika / Das geschickt, wie man neumodischen Plunder kauft, / Uns schlagartig neue ‚Yuppies‘ beschertest„.17 Das versteht die LiM wohl unter hohem poetischem Stil … In derselben Ausgabe finde ich bei N. Hal‘pjarovič den Vergleich einer Frau mit einem Bauchnabel — ist das vielleicht die LiM‘sche Postmoderne?
Die nichtstaatliche Zeitung Naša Niva druckt derlei Machwerke nicht, sie berichtet aber bisweilen recht subjektiv über bestimmte Erscheinungen in Kunst und Literatur. Ein Beispiel wurde bereits angeführt (die Artikel Aljaksandr Fjadutas). Sie ignoriert auch bestimmte bemerkenswerte Ereignisse und folgt dabei Kriterien, die wohl nur zeitungsintern nachvollziehbar sind. So wollen die NN-Redakteure die im Haus der Schriftsteller in Minsk ausgerichtete Großveranstaltung der literarischen Bewegung „Bum-Bam-Lit„18 (anlässlich ihres zehnjährigen Bestehens), an der zahlreiche Besucher wegen Überfüllung des Saales nicht teilnehmen konnten, schlicht „nicht mitbekommen„ haben. Gleiches ließe sich über die Präsentation der ersten Ausgabe der Zeitschrift Nihil19 im Jahr 1999 sagen. Und doch gebührt der Redaktion Anerkennung für ihre Bemühungen um die belarussische Belletristik im Rahmen der Buchreihe „Kniharnja Naša Niva„.
Von gewisser Bedeutung für das literarische Leben sind auch die staatlichen Zeitungen Kul‘tura und Zvjazda. Mitte der 90er Jahre war es eben der Kul‘tura zu verdanken, dass der Begriff der „Postmoderne„ in der belarussische Literatur Fuß fasste. Leider gibt es die literarisch-philosophische Beilage ZNO, die einmal im Monat mit dieser Zeitung erschien, nicht mehr. Heute ignoriert die Zeitung viele nichtstaatliche literarische und künstlerische Ereignisse, sie konzentriert sich hauptsächlich auf offizielle Veranstaltungen. In der Zeitung Zvjazda erscheinen von Zeit zu Zeit literarische Texte. Viktar Žybul‘ ist es zu verdanken, dass in den vergangenen Jahren in der Zeitschrift Rodnae slova20 fundierte literaturwissenschaftliche Aufsätze erschienen sind. Hin und wieder sind auch in der halblegalen Zeitung Narodnaja Volja21 literarische Texte zu finden. Und schließlich gab es seit Mitte 2007 in der Zeitung Novy Čas allmonatlich die Beilage Litaraturnaja Belarus‘22. Nach dem jüngsten Gerichtsverfahren und den hohen Geldstrafen gegen die Zeitung ist deren Zukunft jedoch ernsthaft bedroht.
Das Internet scheint momentan das einzige nichtkontrollierte Medium für das freie Wort in einem autoritären und diktatorischen Regime zu sein. So ist im belarussischen Web eine Parallelwelt entstanden. Sie schafft ihre eigenen Helden, bringt ganze Kontinente und Planeten hervor. Die Mehrheit der älteren Schriftstellergeneration steht dem Internet kritisch gegenüber und fürchtet, es schade der Verbreitung des Buches. Das Gegenteil ist richtig. Die neuen Technologien stärken die Rolle des Buches und des literarischen Textes. Im Internet aktiv sind u. a. Adam Globus, Juras‘ Barysevič, Sjarhej Kalenda, Michas‘ Južyk, Al‘herd Bacharėvič, Jaŭhen Lёsik, Vika Trėnas, Ales‘ Arkuš, Sjarhej Sys, Ihar Babkoŭ, Hanna Kislicyna, Aksana Bjazlepkina, Sjarhej Balachonaŭ und Sjarhej Dubavec.
Verlage und Buchreihen
Obwohl die Zahl literarischer Periodika sehr gering ist, erschien in Belarus in den vergangen beiden Jahren eine Reihe literarisch hochwertiger Texte. Man könnte von einem spezifisch belarussischen Phänomen und Paradoxon sprechen. Diese Texte erschienen, obwohl in den Staatsverlagen praktisch ein Verbot für alle Texte gilt, die nicht dem Modell des postsowjetischen Realismus entsprechen oder von Autoren aus dem oppositionellen Verband belarussischer Schriftsteller (SBP)23 stammen.
Und doch erschienen in der Reihe „Dėbjut„ des Staatsverlags „Mastackaja litaratura„24 einige Bücher, die beim Lesepublikum auf Interesse stießen: Haloŭnaja pamylka Afanasija von Juhasja Kaljada, Vjasna ŭ karotkim palito von Zmicer Arcjuch, Vohnepaklonnik von Janka Lajkoŭ, Daty von Usevalad Haračka, Sonca za tėrykonami von Julija Novik u. a.
Die Mehrheit belletristischer Werke auf hohem literarischem Niveau erscheint jedoch in den privaten Verlagen „Lohvinaǔ„, „Belaruski knihazbor„25, „Medysont„, „Radyёla-pljus„, „Chodr„ und „Halijafy„26. Und dabei darf nicht vergessen werden, dass die nichtstaatlichen Verlage, die sich auf belarussischsprachige Literatur spezialisiert haben, mit erschwerten Bedingungen zu kämpfen haben. Zumindest ist es ihnen kaum möglich, Bücher auf eigene Rechnung zu machen, freie Mittel sind nie in ausreichendem Maße vorhanden. Und die Verkaufszahlen sind winzig, gefragt sind nur Bücher bekannter Autoren. Ein Verlag der etwa das Buch des jungen Autors Zmicer Pljan ins Programm nimmt, geht ein hohes Risiko ein. Nicht für sein Image, versteht sich, sondern für seine Finanzen.
Dabei haben es auch die jungen Autoren nicht leicht, sich zu „promoten„. In den letzten Jahren hat die Unsitte um sich gegriffen, öffentliche Auftritte zu stören oder zu verhindern. Das Fernsehen lädt nur Mitglieder des „richtigen„, offiziellen Verbandes der Schriftsteller von Belarus (SPB)27 ein. Im staatlichen Rundfunk verhält es sich genauso. Und nicht selten sind die Bücher junger Autoren nicht Ergebnis wirtschaftlichen Handelns, sondern reinen Mäzenatentums. Nicht wenige Schriftsteller veröffentlichen ihre Bücher ganz auf eigene Kosten. Denn es gibt in Belarus leider zu wenig Stiftungen und Organisationen, die willens und in der Lage wären, belarussische Verlagsprojekte zu unterstützen … Und nicht zuletzt ist ein privater Verleger gezwungen, Manuskripte nicht nur auf ihren künstlerischen Gehalt hin kritisch zu prüfen, sondern auch vom Standpunkt der politischen Sicherheit aus — sonst droht ihm unter Umständen der Lizenzentzug.
Zu den spannendsten und ungewöhnlichsten nichtstaatlichen Buchreihen zählen „Druhi front mastactvaŭ„ (die im Jahr 2000 von Freunden der literarischen Bewegung „Bum-Bam-Lit„ begründet wurde). Beispielhaft seien genannt: Adljustravanni peršatvora von Pjatro Vasjučėnka, Rėkanstrukcyja neba von Vol‘ha Hapeeva, Praletarskija pesni von Usevalad Haračka , Mil‘jard udaraŭ von Jury Stankevič, Stomleny d‘‘jabal von Sjarhej Kavalёŭ, Pomnik atručanym ljudzjam von Sjarhej Kalenda oder Nul‘ von Illja Sin. Auch die bekannte Reihe „Halerėja B„ (Kurator Ihar Babkoŭ), die mit verschiedenen Verlagen kooperiert, findet ihre Leser. Hier erschienen Šalёny vertahradar von Michas‘ Bajaryn, Cela i tėkst von Juras‘ Barysevič u. a. In der Reihe „Kniharnja Naša Niva„ wurden u. a. Sud na Kaljady von Ales‘ Kudrycki, die Anthologie weiblicher Erzählkunst Žančyny vychodzjac‘ z-pad kantrolju und der Übersetzungsband Babilёnskaja biblijatėka veröffentlicht.
Im Jahr 2006 wurde die Bibliothek der Zeitschrift Dzejasloŭ ins Leben gerufen, in der u. a. Veršnik von Anatol‘ Ivaščanka und Krušnja von Usevalad Sceburaka erschienen.
Gruppierungen und Einzelpersonen
In den 1990er Jahren entstand die literarische Bewegung „Bum-Bam-Lit„ (BBL). Binnen kurzer Zeit wurde der Name zum geflügelten Wort, eine Zeit lang galt alles Unkonventionelle oder Unverständliche als bumbamlit. Mit den eigentlichen Anhängern dieser Bewegung sprang man erst recht nicht zimperlich um. Serž Minskevič schrieb dazu: „[…] im Laufe der zehn Jahre, die diese Bewegung existierte, fanden sich in einigen Artikeln und nichtamtlichen Reden allerlei Epitheta für ‚Bum-Bam-Lit‘: amorph, prinzipienlos, Akudovičs Jungs, Barysevič und ‚die Seinen‘, Bacharėvič und Freunde, Višnëŭ und Co, Minskevič et al., Žybul‘-Sippe …„28 Heute kommt allerdings den meisten Anhängern dieser Bewegung eine gewichtige Rolle im literarischen Leben von Belarus zu. Daher scheint die Gegenthese, die die junge Kritikerin Marharyta Aljaškevič in ihrem Beitrag zur deutsch-belarussischen Anthologie Frontlinie 2 zum Schaffen der ehemaligen Bum-Bam-Lit-Vertreter formuliert, nicht unbegründet (von den sieben belarussischen Autoren in dieser Anthologie zählten nur Vera Burlak und Vol‘ha Hapeeva nicht zu dieser Bewegung): „Die belarussischen Autoren dieses Bandes haben sich ihren Platz in den 90er Jahren erobert, als sich in der belarussischen Literatur, die bisher vom ‚Kollektivismus‘ geprägt war, endgültig der Individualismus etabliert hatte. Den sieben Autoren geht es keineswegs allein um das vordergründige Einschleusen brutaler Themen oder das heftige Verwerfen des bis dahin ‚gängigen‘ literarischen Kanons, vielmehr sind sie auf der Suche nach einer individuellen Ausdrucksweise. Jeder stellt seine eigenen neuen Spielregeln auf.„29
Bemerkenswert war und ist die Vereinigung Freier Literaten (TVL)30, die wie BBL in den 1990er Jahren gegründet wurde. Sie gibt die Zeitschrift Kalos‘se heraus, die leider nur recht unregelmäßig erscheint. In ihrer besten Zeit veröffentliche die Vereinigung unzählige schmale Bändchen in der Reihe „Paėzija novaj heneracyi„. Außerdem richtet die TVL von Zeit zu Zeit internationale Seminare aus und verleiht jährlich den „Hlinjany Vjales„31 für das beste Buch des Jahres. Auch die literarische Vereinigung „Vulej„ muss erwähnt werden, sie gab eine Zeit lang die Samisdat-Zeitung „Soty„ heraus. Leider hat die Vereinigung sich bald wieder aufgelöst.
Eine weitere Gruppe junger Schriftsteller hat sich um Andrėj Chadanovič gebildet. Diese „Szene„ nimmt regelmäßig an Wettewerben für Nachwuchsschriftsteller teil, die u. a. vom oben Genannten betreut werden. Jedes Jahr ist der Wettbewerb einem anderen Klassiker der schönen Literatur gewidmet: Karatkevič, Arsenneva, Petrarca.
Im Jahr 2001 machte die Gruppe „SCHMERZWERK„ auf sich aufmerksam, in der sich radikale Künstler und Autoren zusammengetan hatten: Juras‘ Barysevič, Val‘žyna Mort, Vol‘ha Hapeeva, Al‘herd Bachrėvič, Illja Sin, Zmicer Višnëŭ. Die Gruppe veröffentlichte ihr Manifest in der Zeitschrift pARTisan und der belarussisch-deutschen Anthologie Frontlinie 1 (2003). Aufgenommen werden konnte man nur bei hundertprozentiger Zustimmung aller Mitglieder, daher blieb die Gruppe im Unterschied zu BBL eher hermetisch. „SCHMERZWERK„ richtet Festivals und Kunstaktionen aus, veröffentlicht Bücher und die Zeitschrift Tėksty.
Im neuen Jahrtausend machten die Mitglieder der Literatur- und Performance-Gruppe „Jana-try-ёn„ (Adam Šostak, Juras‘ Lenski, Vol‘ha Rahavaja) von sich reden. Sie haben ihr eigenes Manifest und treten bei diversen Aktionen und Festen auf. Insgesamt ist festzustellen, dass sich kreative Kräfte häufig nicht nur um literarische Gruppierungen sammeln, sondern auch um Zeitungen und Zeitschriften. Hier sind besonders Naša Niva und ARCHE zu nennen. Diese verfügen nicht nur über einen festen Stamm von Autoren, sondern versuchen auch, ihr Literaturkonzept zu propagieren …
Festivals, Kongresse, Seminare, Wettbewerbe
Zu den arriviertesten Festivals zählt sicher das jährlich stattfindende „Ne-farmat„, an dem neben Autoren auch Performer, Künstler und Musiker beteiligt sind. Über mehrere Jahre hin fanden in Buchhandlungen einen Monat lang Lesungen unter dem Titel „Druhi front mastactvaŭ„ statt. Unter dem Slogan „Try dni„ treten Künstler auf, außerdem werden literarische Neuerscheinungen vorgestellt. Auch die Wanderfestivals „Dzen‘ mumifikatara„ und „Adsutnae belaruskae mastactva„ müssen hier erwähnt werden. Zum wiederholten Mal fand bereits das internationale Literaturfestival „Paradak sloŭ„ statt. Zu beachten ist dabei für alle oben aufgezählten Aktivitäten: Sie gehen auf die Initiativen von Privatleuten zurück, häufig ist das Veranstaltungsbudget verschwindend gering (oder gar nicht vorhanden). Dafür ist stets Geld da für „Dažynki„ und „Slavjanski bazar„32. Das Budget für eine dieser staatlichen Feierlichkeiten dürfte für die Ausrichtung von zwanzig (hochwertigen) nichtstaatlichen ausreichen. Vieles, was staatlich finanziert wird, ist leider von vornherein für die Teilnahme ausgewählter „richtiger Künstler„ reserviert. Das sei eben Geschmackssache, mag da mancher einwenden. Einverstanden, aber Aufgabe des Staates ist es doch, Kunst für verschiedene Geschmäcker zu fördern. Für die erwähnten Veranstaltungen wird schließlich das Geld aller Steuerzahler eingesetzt.
Belarussische Literatur im europäischen Kontext
Das Interesse der Europäer an der belarussischen Gegenwartsliteratur hat in den vergangenen zehn Jahren offensichtlich zugenommen. Zahlreiche Gemeinschaftsproduktionen sind entstanden: die belarussisch-schwedische Anthologie 4 + 4 + 4 (1999), die belarussisch-deutschen Frontlinie 1 (2003) und Frontlinie 2 (2007), die belarussisch-ukrainische Suvjaz‘razryŭ (2006). Anthologien belarussischer Lyrik erscheinen in verschiedenen slawischen Sprachen33. Belarussische Schriftsteller werden bei internationalen Festivals ausgezeichnet. So errang Val‘žyna Mort 2005 beim slowenischen „Vilenica International Literary Festival„ den ersten Platz.34 Im Jahr 2007 fand im tschechischen Brno ein Monat der belarussischen Literatur statt. Werke von Ales‘ Razanaŭ35, Barys Pjatrovič, Al‘herd Bacharėvič36, Vol‘ha Hapeeva, Viktar Žybul‘, Juras‘ Barysevič, Vera Burlak und zahlreichen anderen Autoren37 liegen in guten Übersetzungen in die unterschiedlichsten Sprachen vor.
Zu Sowjetzeiten erfuhr man von Werken belarussischer Schriftsteller nur über die russische Kultur; zunächst wurden die Autoren ins Russische übersetzt, dann konnte auch noch die Übersetzung in andere europäische Sprachen folgen. Mit dem Zerfall der Sowjetunion hat sich die Situation grundlegend gewandelt; Übersetzungen aus dem Belarussischen ins Russische gibt es nicht mehr (zumindest liegen bisher keine vor), damit wurde die Belletristik gewissermaßen konserviert. Doch nun scheinen sich langsam Übersetzerschulen herauszubilden, die aus dem Belarussischen in andere europäische Sprachen übersetzen, vor allem ins Deutsche38 und Schwedische … Vielleicht wird den bedeutendsten Werken belarussischer Schriftsteller mit der Zeit über diese Sprachen internationale Beachtung zuteil.
Aus dem Belarussischen von Thomas Weiler
Bibliografie
Kisjalëŭ, Henadz‘: Ad Čačota da Bahušėviča. Minsk: Belaruskaja navuka 2003
Kis’licyna, Hanna: Novaja litaraturnaja situacyja. Zmena kul’turnaj paradygmy. Minsk: Lohvinaǔ 2006
L-kritika. Ežegodnik Akademii russkoj sovremennoj slovesnosti. 2/2001
Malraux, André: Le miroir des limbes. Paris: Gallimard 1976
Mauriac, François: Ne pokorjat’sja noči… Moskva: Progress 1986
Ortega y Gasset, José: Die Vertreibung des Menschen aus der Kunst. München: dtv 1964
Parandowski, Jan: Alchimie des Wortes. In: Dedecius, Karl (Hg.): Die Dichter Polens. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1982
Šaǔljakova, Iryna: Rėstauracyja ščyrasci. Minsk: Lohvinaǔ 2005
Škraba, Iryna: Varyjantnasc‘ u sučasnaj belaruskaj move. Minsk: Asar 2004
Valéry, Paul: Über Kunst. Berlin: Suhrkamp 1959
Vasjučėnka, Pjatro: Adljustravanni peršatvora. Minsk: Lohvinaǔ 2004
Višnëǔ, Zmicer: Veryfikacyja naradžėnnja. Minsk: Lohvinaǔ 2005
Рэзюмэ
У сваім тэксце аўтар суб’ектыўна, як і кожны крытык, ацэнвае найноўшы літаратурны працэс, які назіраецца ў Беларусі і канстатуе, што ў апошнія дзесяць гадоў ўзрасла цікавасць еўрапейцаў да сучаснай беларускай літаратуры. Аўтар выказвае сваё скептычнае меркаваньне наконт пэрыядычных выданьняў, кажа пра іх недахопы і пралікі. Прадстаўляе літаратурныя старонкі Інтэрнету, выдавецтвы і кніжныя серыі, суполкі і асобы, а таксама фестывалі, кангрэсы, семінары і конкурсы для літаратараў. Каментарыі і дадаткі перакладчыка Томаса Вайлера у падрадковых заўвагах.
Zmicer Višnëŭ — geb. 1973 in Debrecen (Ungarn), Philologie- und Journalistikstudium in Moskau und Minsk. Prosaautor, Lyriker, Kritiker, Performer und bildender Künstler, Chefredakteur der Literaturzeitschrift „Tėksty„, zahlreiche Veröffentlichungen im Minsker Lohvinaǔ-Verlag. Mitbegründer der Gruppen „Bum-Bam-Lit„ und „SCHMERZWERK„. Rief 2007 mit Michas‘ Bašura den Verlag „Halijafy„ ins Leben, in dem auch sein jüngster Roman „Zamak pabudavany z krapivy„ erscheint. Auf Deutsch liegt „Ich sitze im Koffer„ vor (Berlin 2006), außerdem Gedichte in „die horen„ 228/2007 und der Anthologie „Frontlinie„ (jeweils in Übersetzungen von Martina Mrochen).
Thomas Weiler — geb. 1978, nach „Anderem Dienst im Ausland„ in Minsk und Übersetzerstudium in Leipzig, Berlin und St. Petersburg seit 2007 als freier Übersetzer aus dem Russischen, Polnischen und Belarussischen in Karlsruhe, Mitglied des Verbandes deutschsprachiger Übersetzer (VdÜ). Übersetzungen publizistischer, geisteswissenschaftlicher und belletristischer Texte für die Zeitschriften „Osteuropa„, „Transit. Europäische Revue„, „Eurozine„, „Ostragehege„, „Annus Albaruthenicus„, „polenPLus„ und verschiedene Anthologien. Übersetzungen zeitgenössischer belarussischer Lyrik für lyrikline.org. Im Herbst 2010 erscheint im Leipziger Literaturverlag die Übersetzung von Al‘herd Bacharėvičs Roman „Die Elster auf dem Galgen„.
1 Der Text war ursprünglich als Vortrag im Programm des Belaruski Kalegium konzipiert http://baj.by/belkalehium/lekcyji/litaratura/viszniou_01.htm und ist vom Autor für den Annus Albaruthenicus überarbeitet und aktualisiert worden. Alle Erläuterungen, Ergänzungen und Links in den Fußnoten stammen vom Übersetzer.
2 Der Autor konzentriert sich im Wesentlichen auf das literarische Zentrum Minsk und auf Autoren seiner Generation. Da er sich nur zur Literatur in Belarus äußert, bleiben die Literatur des Exils und der belarussischen Minderheit in Polen weitgehend unberücksichtigt und Zeitschriften wie der Annus Albaruthenicus unerwähnt.
3 Halubovič, Leanid, in: Litaratura i Mastactva 50/2006
4 kurz für Naša Niva (s.u.)
5 Brusevič, Anatol‘: „Spadkaemcy„. In: Tėksty 3/2007, S. 131 f.
6 „A chto tam idze?„ — populäres Gedicht des Klassikers Janka Kupala (1882-1942)
7 Bacharėvič, Al‘herd: Nijakaj litas‘ci Valjancine H. Minsk: Lohvinaǔ 2006. S. 125
8 Elektronische Volltextausgaben der meisten Zeitschriften finden sich in der Belarussischen Internetbibliothek Kamunikat. Polymja hier:
9 http://kamunikat.org/maladosc
10 http://kamunikat.org/dziejaslou
11 http://kamunikat.org/arche
12 http://kamunikat.org/kalossie
13 http://kamunikat.org/pravincyja
14 http://kamunikat.org/nn
15 http://kamunikat.org/novy_chas
16 „hazeta tvorčaj intėlihencyi Belarusi„ — so die Selbstbezeichnung von LiM
17 Karyzna, U. In: Litaratura i Mastactva, 10.12.2007
18 Auch kurz: BBL; vgl. ausführlicher unten im Abschnitt „Gruppierungen und Einzelpersonen„
19 http://knihi.com/nihil
20 http://kamunikat.org/rodnaje_slova.html
21 http://kamunikat.org/narodnaja_vola.html
22 http://kamunikat.org/litaraturnaja_bielarus.html
23 Sajuz belaruskich pis‘mennikaŭ (SBP), gegründet 1934 als Sajuz pis‘mennikaŭ BSSR (bis 1991), dann Sajuz pis‘mennikaŭ Belarusi (bis 1996), seither unter dem aktuellen Namen. Vorsitzender ist seit 2002 Ales‘ Paškevič (*1972).
24 http://www.mastlit.by
25 http://bk.knihi.com
26 http://www.goliafy.com
27 Sajuz pis‘mennikaŭ Belarusi (SPB), gegründet 2005 als Abspaltung des SBP, Vorsitzender ist Mikalaj Čarhinec (*1937).
28 Minskevič, Serž: Da pytan‘nja farmalëgii Bum-Bam-Lita. In: Tėksty 3/2007, S. 143 f.
29 Aljaškevič, Marharyta: Eigene Spielregeln. Übers. Martina Mrochen. In: Frontlinie 2. Minsk: Lohvinaǔ 2007, S. 101
30 Tavarystva Vol‘nych Litarataraǔ (TVL)
31 Der „tönerne Riese„ wird seit 1993 vergeben. Zu den Preisträgern gehörten u. a. Ihar Babkoǔ, Ales‘ Razanaǔ, Al‘herd Bacharėvič und Valjancin Akudovič.
32 http://www.festival.vitebsk.by
33 Beispielhaft genannt sei hier die von Ljavon Barščėŭski und Adam Pomorski in der Reihe „Biblioteka Białoruska„ herausgegebene umfangreiche polnisch-belarussische Anthologie Nie chyliłem karku przed mocą mit belarussischer Lyrik vom 15.-20. Jahrhundert (Wrocław 2008).
34 Im Jahr 2008 wurde Val‘žyna Mort (*1981) zudem mit dem Hubert-Burda-Preis für osteuropäische Lyrik ausgezeichnet. 2009 erschien der ähnlich bereits in schwedischer und englischer Übersetzung vorliegende Gedichtband Tränenfabrik in der Edition Suhrkamp (Übersetzung Katharina Narbutovič), er wurde auch in der Presse positiv aufgenommen (Rezensionen von Insa Wilke in DIE ZEIT, 09.07.2009, Ilma Rakusa in Neue Zürcher Zeitung, 12.08.2009, Helmut Böttiger in Süddeutsche Zeitung, 09.07.2009; vgl. auch Kapitel „Rezensionen„ in diesem Band).
35 Der Lyriker Ales‘ Razanaŭ (*1947) ist auf Deutsch mit mehreren Einzelbänden vertreten: Das dritte Auge (2007), Tanz mit den Schlangen und Hannoversche Punktierungen (beide 2002), Zeichen vertikaler Zeit (1995).
36 Erzählungen von Al‘herd Bacharėvič (*1975) erschienen auf Deutsch in den Zeitschriften Lichtungen und Ostragehege (Übersetzungen André Böhm), Interviews in deutscher Übersetzung sind im Internet-Portal novinki.de verfügbar (www.novinki.de/html/zurueckgefragt/Interview_Bacharevic.html). Im Herbst 2010 erscheint im Leipziger Literaturverlag der Roman Die Elster auf dem Galgen (Übersetzung Thomas Weiler).
37 Erwähnt werden muss hier auch Artur Klinaŭ (*1965) mit Minsk. Sonnenstadt der Träume (2006; vgl. dazu die Rezension in Annus Albaruthenicus 2009, S. 253 ff.). Verwiesen sei zudem auf das Internet-Projekt lyrikline.org, das gegenwärtig 15 belarussische Lyriker der Gegenwart in Original und Übersetzungen zugänglich macht.
38 Vgl. hierzu Thomas Weiler: Belarussische Literatur in deutscher Übersetzung, in: Annus Albaruthenicus 2009, S. 115-120.
